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Wer zum ersten Mal nach Sylt kommt, verbindet sein Urlaubsziel vor allem mit Stränden, Gastronomie, Noblesse. Ist das alles? Natürlich nicht. Denn Sylt hat ein Geheimnis

Die Insel hat nämlich auch heute, in Zeiten des Massentourismus und der mehrsprachigen Gästeführungen, ein Überbleibsel ihrer langen Geschichte bewahrt. Und das zeigt sich spätestens dann, wenn der unbedarfte Urlaubsgast – sagen wir, während er beim Bäcker ansteht und auf sein Frühstücksbrötchen wartet – plötzlich einen Wortwechsel wie diesen mithört:

„Hur gair’t wat?“

„Mi gair’t gur.“

„Jü miaren heer di sen skintj.“

„Man aur nacht skel’t kuul uur!“

Und sich fragt, was er gerade gehört hat. Holländisch? Plattdeutsch? Gar einen englischen Dialekt?

Die Antwort ist: Friesisch. Genauer: Nordfriesisch. Genauer: Sölring, denn das ist der Sylter Dialekt, der heute noch von etwa 700 Insulanern gesprochen wird. (Wobei der sprachkundige Sylter „Söl’ring“ schreibt und nicht vergisst zu betonen, dass es sich beim Nordfriesischen um eine eigene Sprache handelt und nicht etwa um einen Dialekt.)

Klönschnack in Nordfriesland

Klönschnack in Nordfriesland © H.-W. Stoltenberg

Aber woher kommt Sölring eigentlich?

Unternehmen wir einen kleinen Exkurs in die Vergangenheit, und zwar ins 7. Jahrhundert. Damals war Sylt matschiger als heute, durchsetzt von Prielen und eingebettet in eine Moorlandschaft. In dieser Zeit kamen Friesen aus dem heutigen Holland auf die Insel und brachten das Sölring mit. Zusammen mit den friesischen Mundarten von Helgoland (Halunder), von Föhr (Fering) und von Amrum (Öömrang) gehört Sölring zum Inselnordfriesisch, und das klingt noch einmal ganz anders als das Festlandnordfriesisch.

Sölring hat natürlich vieles mit den acht anderen friesischen Dialekten gemein, zum Beispiel die Spuren von Holländisch, Plattdeutsch und Englisch. Es hat aber im Vergleich zu den anderen Dialekten besonders viele dänische Wörter. Wer öfter auch mal in Dänemark Urlaub macht, wird kaum Probleme haben, die Sölringer Wörter fesk, jööl und faarwel zu verstehen. Sölring hat sich im Laufe der Geschichte auch nicht so stark verändert wie andere Dialekte. Und außerdem halten die Sylter nicht viel von den üblichen nordfriesischen Rechtschreibregeln und kochen lieber ihr eigenes Süppchen (sicherlich nur, um zu verwirren).

Sölring hat eine eigene Rechtschreibung

Sölring hat eine eigene Rechtschreibung © Traum-Ferienwohnungen

Wer einmal hören möchte, wie Sölring klingt, kann sich dies hier ansehen:

Kurzfilm: „Söl’ring – Gesichter des Sylter Urdialekt“

Dazu gibt es noch ein paar schöne Eindrücke von Sylt.

Wie es mit Sölring auf Sylt weiterging…

Die etwa 700 Leute, die heute noch Sölring sprechen, gehören vor allem zur Generation der Großeltern, denn leider kam es vor ein paar Jahrzehnten ziemlich aus der Mode, sich mit seinen Kindern auf Sölring zu unterhalten. Schließlich durfte man sich in der Stadt und im Beruf nicht blamieren, indem man auf Deutsch plötzlich ins Stocken kam! Und je mehr Touristen und Einwanderer nach Sylt kamen, desto wichtiger wurde Hochdeutsch. Sölring wurde daher von der deutschen „Standardsprache“, aber auch vom Plattdeutsch verdrängt.

Zum Glück haben sich die Sylter schon früh einen gesunden Lokalpatriotismus zugelegt, denn Touristen strömten ja schon nach Sylt, als es noch Badehäuschen, aber keine Sonnencreme gab. Da hilft es, wenn man sich auf eine echt friesische Tradition besinnen kann. Und deshalb bemühen sich viele Sylter heute nach Kräften, das Sölring wieder unter die Leute zu bringen.

Badeurlaub früher: Umkleidehäuschen am Strand

Badeurlaub früher: Umkleidehäuschen am Strand © Pixabay

Da stellt sich natürlich die Frage: Wie bewahrt man eine Sprache, zu der es kaum noch Muttersprachler gibt? Zumindest hat Sölring den Vorteil, dass sich ein kluger Sylter Küster namens Jap Peter Hansen vor 200 Jahren die Mühe gemacht hat, Sölring nach seinem eigenen Sprachempfinden aufzuschreiben. Und daraus entstand dann die umfangreichste Literatur, zu der es eine friesische Sprache je gebracht hat. Es ging los mit der Komödie „Di Söl’ring Pir’rersdei“, übersetzt „Der Sylter Petritag“ (natürlich auch von Herrn Hansen verfasst). Darin geht es um die Sprachprobleme der Sylt-Besucher, das Buch erschien 1809. Einige Jahre später hat er sich nochmal selbst übertroffen und den längsten nordfriesischen Roman der Welt geschrieben. Er heißt „Di lekkelk Stjüürmann“ (das bedeutet „Der glückliche Steuermann“) und ist eine Fortsetzung des ersten Buches.

Friesische Literatur auf Sölring © Traum-Ferienwohnungen

Friesische Literatur auf Sölring © Traum-Ferienwohnungen

Zwei Romane machen natürlich noch keinen friesischen Nationalmythos, und deshalb war es ein Glück für Jap Hansen, dass er noch seinen wortgewandten Sohn Christian hatte. Christian Peter Hansen war nicht nur Lehrer, sondern er sammelte auch Geschichten und Märchen, die man sich zu dieser Zeit in Friesland und Schleswig-Holstein erzählte. Die brachte er dann in seiner eigenen, ausgeschmückten Version zu Papier, und so entstand z.B. das Buch „Ualð Sölðring Tialen“ (also „Alte Sylter Geschichten“). Darin finden sich mysteriöse Sagen wie die von Pidder Lüng und dem Grünkohl oder vom Meermann Ekke Nekkepenn, die Sie hier nachlesen können…

Sylter Sage: Ekke Nekkepenn und Inge von Rantum

Die fabelhafte Sylter Sagenwelt © Söl’ring Foriining e. V.

Sölring lernen und die Tradition bewahren

Damit gibt es also eine Menge Geschichten, die man seinen Kindern weitergeben kann. Lesen reicht aber nicht, denn Sölring lässt sich nur schwer in Lautschrift [ˈla͜utʃrɪft] darstellen. Viele Sylter können die Sprache außerdem gar nicht lesen… Also besser mündlich auf Sölring weitererzählen. Und wo die Eltern das nicht können, machen es die Sprachpaten des Sylter Heimatvereins Söl’ring Foriining. Sie gehen in Sylter Kindergärten und bringen dem Nachwuchs spielerisch die alte Sprache nahe. (Der Söl’ring Foriining setzt sich u.a. für Sylter Brauchtum ein.) Inzwischen wird Sölring auf Sylt auch in der Schule gelehrt und es gibt Theaterstücke, Kinderbücher, Zeitungsrubriken und Radioprogramme auf Sölring. Ob die Sprache gerettet werden kann, lässt sich natürlich noch nicht sagen.

Auch in der Zeitung findet man Sölring heute wieder

Auch in der Zeitung findet man Sölring heute wieder © Rainer Sturm / pixelio.de

Überleben auf Sylt – die wichtigsten Vokabeln auf Sölring

Nun wissen Sie also, was Sölring ist und wie es klingt. Das hilft Ihnen aber beim Bäcker im nächsten Urlaub noch nicht weiter. Daher gibt es hier für Sie die wichtigsten Vokabeln für den Urlaubsalltag auf Sylt. Einfach 37 Mal sorgfältig durchlesen und dann auswendig aufsagen.

Ein kleines Sölring-Wörterbuch für die Übersetzung

Ein kleines Sölring-Wörterbuch für die Übersetzung © Foto: Sylt Marketing

Was Sie sonst noch über Sölring wissen sollten

Film angesehen und Vokabeln gepaukt? Sehr gut, dann kann es ja jetzt in den Urlaub gehen. Zum Abschluss noch drei Fakten über Sölring:

1. Die inoffizielle Hymne von Sylt, die selbst die meisten jungen Leute auf Sölring mitsingen können, ist diese hier:

Die Hymne der Insel Sylt - ein Lied auf Sölring

Die Hymne der Insel Sylt – ein Lied auf Sölring

2. Auf den gelb-rot-blauen Flaggen auf der Insel lesen Sie den Spruch „Rüm Hart, Klar Kimming“ – ein Lob auf das weite Herz und den klaren Horizont Sylts.

Flagge von Sylt mit Wahlspruch

Flagge von Sylt mit Wahlspruch © Helmut Wegner

3. Ehrlich gesagt ist es ist relativ unwahrscheinlich, dass Sie sich auf Sölring verständigen müssen. Man könnte sogar sagen, völlig ausgeschlossen. Aber Eindruck schinden, das können Sie mit Ihren Sprachkenntnissen auf jeden Fall.

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